Warum Produzent:innen ihr Gemüse nicht einfach «verschleudern» können
Wenn die Ernte üppig ausfällt, denkt man schnell: Einfach den Preis senken und alles verkaufen. In der Realität ist das etwas komplizierter. «Wenn's zu viel gibt, warum dann nicht einfach günstiger verkaufen?» Die Frage klingt logisch. Wenn ein:e Produzent:in besonders viele Zucchini, Karotten oder Tomaten erntet, könnte man meinen, eine kleine Preissenkung würde reichen, um den Überschuss loszuwerden. Schliesslich ist es doch besser, günstiger zu verkaufen als gar nicht – oder?
Nicht unbedingt. Denn ein Gemüse, das aus der Erde kommt, ist noch lange kein verkaufsfertiges Produkt. Zwischen Feld und Teller liegt eine ganze Kette aus Arbeit, Kosten und Einschränkungen. Und bei einer besonders üppigen Ernte werden diese Realitäten noch sichtbarer.
Ein Gemüse, das auf dem Feld wächst, ist noch kein verkaufsfertiges Produkt Nehmen wir eine Karotte. Schon vor der Ernte musste der/die Produzent:in das Feld vorbereiten, Saatgut kaufen, säen, die Kultur pflegen und mit den Wetterbedingungen umgehen. Dann kommt die Ernte, die ebenfalls Zeit, Arbeitskräfte und Material erfordert. Aber damit ist die Arbeit noch nicht getan.
Je nach Vertriebsweg müssen die Karotten sortiert, eventuell gewaschen, verpackt, gelagert und transportiert werden. Hinter einem einfachen Kilo Gemüse steckt also eine ganze Reihe von Arbeitsschritten und Kosten:
- Die landwirtschaftliche Arbeit und die Ernte;
- Saatgut, Material und Infrastruktur;
- Wasser und Energie für Produktion und Lagerung;
- Sortierung, Verpackung, Lagerung und Transport.
Ein grosser Teil des Wertes eines Gemüses entsteht also lange bevor es in deiner Küche ankommt. Ein landwirtschaftlicher Überschuss ist kein Gratis-Produkt Stellen wir uns vor, ein:e Gemüsebauer/-bäuerin erntet dieses Jahr viel mehr Zucchini als erwartet. Auf dem Papier ist das eine gute Nachricht: Es gibt mehr Gemüse zu verkaufen. Aber es müssen auch mehr Abnehmer:innen gefunden werden. Und wenn die üblichen Absatzkanäle diese zusätzliche Menge nicht aufnehmen können, bleibt das Problem bestehen. Eine Preissenkung kann manchmal den Verkauf beschleunigen, aber sie schafft nicht unbedingt eine ausreichende Nachfrage. Und wenn der Preis unter das Niveau sinkt, das nötig ist, um die Produktions- und Vertriebskosten zu decken, löst der/die Produzent:in das Problem nicht: Er/sie verwandelt lediglich eine schwer verkäufliche Ernte in einen finanziellen Verlust. Mehr zu produzieren bedeutet also nicht automatisch mehr zu verdienen.
Das ist eine der manchmal schwer verständlichen Realitäten der Landwirtschaft: Produzent:innen haben weder die Erntemenge vollständig unter Kontrolle, noch immer die Nachfrage zum Zeitpunkt, wenn ihre Produkte reif sind. Die eigentliche Herausforderung: andere Absatzwege finden
Wenn eine Frucht oder ein Gemüse nicht den Kriterien eines Abnehmers entspricht, heisst das nicht unbedingt, dass sie schlecht oder unbrauchbar ist.
Das ist besonders interessant bei nicht normiertem Gemüse und Früchten. Eine Karotte kann krumm sein, ein Apfel kleiner oder eine Zucchini besonders gross – und trotzdem einwandfrei geniessbar. Kommerzielle Normierung und Lebensmittel-Qualität sind zwei verschiedene Dinge.
UglyFruits sucht genau nach einem anderen Ausweg. Genau hier setzt unser Ansatz an. Wir suchen nicht nach «schlechterem» Gemüse oder Produkten, die niemand will. Wir suchen nach Bio-Früchten und -Gemüse, die einwandfrei gut sein können, aber anders aussehen als die Produkte, die normalerweise wegen ihrer Grösse oder ihres Aussehens ausgewählt werden. Eine Karotte kann krumm sein. Ein Apfel kann klein sein. Eine Zucchini kann besonders gross sein. Eine Lieferung kann sehr unterschiedliche Grössen enthalten. Das mindert nicht unbedingt ihre Qualität als Lebensmittel. Es bedeutet einfach, dass sie nicht immer in denselben Vertriebskanal passen. Der Kampf gegen Food Waste besteht also nicht nur darin, Konsument:innen zu bitten, weniger wegzuwerfen. Es geht auch darum, darüber nachzudenken, wie Produkte wertgeschätzt werden können, noch bevor sie in unseren Küchen ankommen. Und das ist unser kleiner Beitrag: einen zusätzlichen Absatzweg für einige dieser Produkte zu schaffen. Denn eine Karotte, die nicht in eine perfekt normierte Schublade passt, muss nicht unbedingt verramscht werden.