Kalibrierung von Früchten und Gemüse in der Schweiz: Wenn die Karotte ins Schema passen muss
In der Schweiz gelangt eine Frucht nicht einfach so vom Feld ins Regal – auch nicht, wenn sie bio ist. Bevor sie in unseren Körben landet, durchläuft sie oft eine wenig bekannte, aber entscheidende Etappe: die Kalibrierung.
Durchmesser, Gewicht, Farbe, Kategorie… Ja, unsere Äpfel und Karotten haben fast schon einen Lebenslauf.
Aber wie funktioniert die Kalibrierung von Früchten und Gemüse in der Schweiz konkret? Ist es bei Bio anders? Wer legt die Kriterien fest? Und vor allem: Was passiert mit den Produkten, die nicht «ins Schema passen»?
Wir erklären dir alles – ohne unnötigen Fachjargon, aber mit soliden Quellen und einem Hauch UglyFruits-Spirit.
1. Kalibrierung von Früchten und Gemüse: Definition und Ziele
Was ist Kalibrierung?
Die Kalibrierung besteht darin, Früchte und Gemüse nach präzisen Kriterien zu klassifizieren:
- Grösse (Durchmesser oder Länge)
- Gewicht
- Optisches Erscheinungsbild (Form, Färbung, Oberflächenfehler)
- Reifegrad
Diese Kriterien werden durch Handels- und Qualitätsnormen definiert. In der Schweiz stützen sich die Standards insbesondere auf die Normen der Vereinten Nationen (ECE-UNO / UNECE) sowie auf nationale Richtlinien von Akteuren wie Swisscofel und Bio Suisse.
Die Kalibrierung ist nicht dazu da, um «hübsch auszusehen». Sie verfolgt mehrere Ziele:
- Partien vereinheitlichen, um den Verkauf zu erleichtern
- Logistik und Verpackung vereinfachen
- Den Erwartungen des Detailhandels entsprechen
- Eine gewisse optische Konstanz für die Konsument:innen gewährleisten
Kurz gesagt: Es geht um Organisation… und Standardisierung.
2. Wie funktioniert die Kalibrierung in der Praxis?
Schritt 1: Ernte und erste Sortierung
Nach der Ernte erfolgt oft eine erste Sortierung auf dem Hof: Beschädigte, überreife oder für den Frischverkauf ungeeignete Produkte werden aussortiert.
Schritt 2: Verarbeitung in der Packstation
Die für den Handel bestimmten Früchte und Gemüse durchlaufen anschliessend eine Packstation. Dort kommt die Technik zum Einsatz:
- Förderbänder
- Hochpräzisionskameras
- Integrierte Waagen
- Automatisierte Sortiersysteme
Die Maschinen messen Durchmesser und Gewicht und erkennen bestimmte äussere Mängel. Anschliessend klassifizieren sie die Produkte nach Handelskategorien (Extra, I, II gemäss den internationalen UNECE-Standards).
Ja, auch Äpfel müssen eine Prüfung bestehen. Aber ohne Stress, versprochen. Bei kleineren Produktionen oder sehr empfindlichen Produkten erfolgen diese Schritte natürlich manuell.
3. Die Qualitätskategorien: Was bedeuten sie wirklich?
Internationale Standards haben sich aus der Praxis heraus entwickelt, stellen aber keine echten «Normen» dar. Zusammenfassend unterscheidet man in der Regel:
Kategorie Extra
Höchste Qualität, sortentypische Form und Färbung, praktisch keine Mängel.
Kategorie I
Gute Qualität, leichte Form- oder Färbungsabweichungen werden toleriert.
Kategorie II
Deutlichere Mängel möglich, aber das Produkt ist weiterhin zum Verzehr geeignet.
? Wichtig: Keine dieser Kategorien betrifft den Nährwert.
Ein Apfel der Kategorie II enthält genauso viele Ballaststoffe und Vitamine wie ein Extra. Er hat einfach eine etwas… originellere Seite.
4. Bio vs. konventionell: Unterschiede bei der Kalibrierung?
Gute Nachricht: Bei der Handelskalibrierung ist der Prozess für Bio und konventionell grundsätzlich identisch.
Die Kriterien für Grösse und optisches Erscheinungsbild bleiben vergleichbar, da sie den Anforderungen des Detailhandels und den internationalen Standards entsprechen.
Der Unterschied liegt woanders:
- Anbaumethoden
- Verwendung von Pflanzenschutzmitteln
- Zertifizierung (in der Schweiz über Bio Suisse oder die Verordnung über die biologische Landwirtschaft)
Mit anderen Worten:
Ob bio oder nicht – die Karotte muss oft die richtige Länge haben, um in die Schale zu passen. Die Natur hat das Memo leider nicht erhalten.
5. Warum gibt es diese Normen?
Logistik und Standardisierung
Ein einheitliches Kaliber erleichtert:
- Die Verpackung in standardisierten Kisten
- Den Transport
- Die Lagerung
- Die Platzierung im Regal
Ein homogenes Los = weniger Bruch, weniger Komplikationen.
Markterwartungen
Die grossen Schweizer Detailhändler – wie Migros oder Coop – definieren oft eigene Pflichtenheft-Anforderungen, die über die internationalen Normen hinausgehen.
Die Konsument:innen, die an eine gewisse Einheitlichkeit gewöhnt sind, beeinflussen diese Standards indirekt. (Ja, wir haben kollektiv eine Schwäche für schön gerade Gurken.)
6. Und was passiert mit Früchten und Gemüse ausserhalb der Norm?
Hier wird’s interessant.
Produkte ausserhalb der Norm können:
- Zu Verarbeitungsprodukten werden (Säfte, Pürees, Suppen)
- Über alternative Vertriebswege verkauft werden
- In Anti-Food-Waste-Körben angeboten werden… hoppla ;-)
- In der Gemeinschaftsverpflegung verwendet werden
In der Schweiz wird der Kampf gegen Food Waste unter anderem durch Initiativen des Bundesamts für Landwirtschaft unterstützt, das daran erinnert, dass ein erheblicher Teil der Lebensmittelverluste vor dem Konsum entsteht.
Die Kalibrierung allein verursacht nicht die Verschwendung, aber sie trägt dazu bei, dass einwandfreie Produkte aus dem Hauptkreislauf ausgeschlossen werden.
Und genau hier kommt UglyFruits ins Spiel. Um daran zu erinnern, dass ein Apfel auch dann köstlich sein kann, wenn er den «Dresscode» nicht einhält.
7. Entwickelt sich die Kalibrierung weiter?
Ja. Langsam, aber sicher.
Angesichts der Umweltherausforderungen und der nationalen Ziele zur Reduzierung von Food Waste lockern einige Detailhändler ihre ästhetischen Kriterien schrittweise.
Man beobachtet:
- Sortimente für «Ausserhalb der Norm»-Produkte
- Eine bessere Verwertung der sogenannten Sekundärkategorien
- Sensibilisierungskampagnen
Die absolute Perfektion verliert etwas an Boden. Und ehrlich gesagt ist das eine gute Nachricht für die Biodiversität… und für etwas schüchternes Gemüse.
Fazit: Kalibriert heisst nicht für immer kalibriert
Die Kalibrierung von Früchten und Gemüse in der Schweiz ist vor allem ein logistisches und kommerzielles Werkzeug. Sie ermöglicht es, Warenflüsse zu organisieren, eine gewisse Homogenität zu gewährleisten und den Marktstandards zu entsprechen.
Ob bio oder konventionell – der Prozess bleibt im Wesentlichen derselbe.
Aber hinter diesen Normen verbirgt sich eine einfache Realität:
Die Natur produziert nicht nach Massstab.
Und vielleicht wäre es die schönste Entwicklung, etwas mehr Vielfalt in unseren Körben schätzen zu lernen.
Schliesslich sind es im Leben wie in den Obstgärten oft die ungewöhnlichen Profile, die am meisten Geschmack haben!